Mehr Bürgerbeteiligung in der Energiewende

2012-09-10_pm

Der notwendige Umbau der Energieversorgung gelingt nur mit einer besseren Beteiligung der Bürger – das zeigte das Symposium der Global Young Faculty und Fraunhofer UMSICHT.

Oberhausen/Essen 10. September 2012. Überregionales »Ja«, aber regionales »Nein« – gegenüber neuen Energietechnologien herrscht oft politische und gesellschaftliche Diskrepanz. Eine Situation, die sowohl für Unternehmer als auch für den Bürger problematisch sein kann. Rund 80 Teilnehmer kamen zum Symposium der Global Young Faculty und Fraunhofer UMSICHT am Forschungsinstitut in Oberhausen. Vertreter aus Unternehmen, Forschung, NGOs und Bürgerinitiativen diskutierten, wie aus dem vermeintlichen Risikofaktor Bürger eine unterstützende Kraft in der Energiewende werden kann.

Die Energiewende ist in Deutschland in vollem Gange. Es herrscht ein breiter gesellschaftlicher Konsens über die Notwendigkeit grundlegender Änderungen bei der Energieversorgung. Aber wie sollen diese Änderungen aussehen, welche Voraus-setzungen müssen erfüllt sein und welche Einschränkungen ist der Bürger bereit mitzutragen?

Transparente Energieprojekte

»Der Bürger steht oft mitten im Fadenkreuz, wenn neue Technologien im Energiebereich eingesetzt werden sollen. Gleichzeitig ist seine rechtliche Position diesbezüglich aber sehr gering«, so Klaus Rohmund, Vorsitzender einer Bürgerinitiative in Hessen, bei der es um den geplanten Ausbau der Stromnetze für die Integration erneuerbarer Energien geht. »Wir dürfen nicht zum Wutbürger werden, sondern müssen uns mit den Chancen und Risiken zukünftiger Energietechnologien auseinander setzen«. Besonders wichtig seien für die Bürger Transparenz, Mitbestimmung und ein Dialog auf Augenhöhe.

Energieversorgung muss wirtschaftlich, umweltverträglich und verbraucherfreundlich sein. Insbesondere Großprojekte scheinen zunehmend unterschiedliche Interessen zu mobilisieren. Diese Erfahrungen machte die badische Schluchseewerk AG, die den Bau  eines Pumpspeicherkraftwerks plant. Im Rahmen der Projektplanung haben Peter Steinbeck und sein Team von Beginn an versucht, den Bürgern der Region entgegenzukommen, sie über Fachliches zu informieren und mit ihnen in Diskussion zu treten. »Da die Politik die Akzeptanz von Energieprojekten in der Gesellschaft zu wenig fördert, müssen wir diese Aufgabe selbst übernehmen«, erzählt Peter Steinbeck. »Der Bürger muss mitgenommen werden«, lautet seine Devise. Besonders einschlägig war hier der runde Tisch: Vertreter verschiedener Interessensgruppen haben über den Bau des Pumpspeicherkraftwerks zusammen diskutiert.

Gemeinsames Denken

Dirk Scheer vom Zentrum für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung (ZIRIUS)  der  Universität Stuttgart, erläutert, wie komplex und vielfältig die Gründe für Einstellungen gegenüber einzelnen Technologien sind: »Menschliches Verhalten basiert oft auf subjektiven Wahrnehmungen und nicht auf wissenschaftlich-objektiven Fakten. Deshalb fallen Risikobeurteilungen von Bürgern gegenüber Experteneinschätzungen vielfach auseinander«. Das müssten Technologieentwickler und Entscheidungsträger in ihren energiepolitischen Entscheidungsprozessen und in ihrer Argumentation mit den Bürgern berücksichtigen.

Das Ziel des Forums Netzintegration Erneuerbare Energien ist, alle Beteiligten an einen Tisch zu holen und gemeinsam Handlungsempfehlungen zum Stromnetzausbau zu erarbeiten. Das von der Deutschen Umwelthilfe e. V. moderierte Bündnis aus Netzbetreibern, Umweltorganisationen, Verbänden, Behörden, Wissenschaftlern und Bürgerinitiativen will ein sicheres Stromnetz für ein zukünftiges Stromsystem mit 100 Prozent Erneuerbaren Energien erreichen. Die Referentin Anne Palenberg beschreibt, dass Bürger in manchen Planungsverfahren bereits frühzeitig und transparent informiert werden (Bsp. Nationaler Netzentwicklungsplan Strom), allerdings sieht sie auch, dass noch ein langer Weg vor uns liegt. »Es findet ein langsamer Umdenkprozess statt. Doch die Energiewende fordert Kompromisse von allen Seiten, alle Beteiligten müssen neue Wege gehen.« Wichtig sei vor allem, betriebswirtschaftliche Einzelinteressen nicht gegen  den Klimaschutz auszuspielen.

Kompromissbereitschaft auf allen Seiten

»Gut gefallen hat uns insbesondere die Buntheit der Teilnehmer. Es waren Studenten, Berufstätige, Unternehmer oder Rentner im Publikum, die alle sichtlich interessiert am Thema waren«, sagt Mitorganisatorin und Global Young Faculty-Wissenschaftlerin Dr. Anna Grevé von Fraunhofer UMSICHT.

Die rege Diskussion moderierte Wissenschaftsjournalist Professor Holger Wormer von der TU Dortmund. Es kam die Notwendigkeit der Ausbildung von Experten zur Sprache, die Technologien der Gesellschaft und damit einer breiten Öffentlichkeit näher bringen können. Eine differenzierte Diskussion wurde gewünscht, in der jeder Beteiligte sich umfassend und nicht interessengetrieben über neue Technologien informiert fühlt. Die Äußerung, dass die Politik stärkere Vorgaben für die Industrie machen solle, um diese in die richtige Richtung zu lenken, stieß ebenfalls auf breitere Zustimmung. Aber es kam auch die Energieeffizienz des Einzelnen zur Sprache. Denn jeder sollte seinen eigenen Energieverbrauch kritisch betrachten und kann so ebenfalls zu einem besseren Gelingen der Energiewende beitragen.

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Die Organisatoren

In der Global Young Faculty treffen sich herausragende Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler der Metropole Ruhr, um in interdisziplinären Arbeitsgruppen Themen von gemeinsamem Interesse zu bearbeiten. Das Netzwerk ist eine Initiative der Stiftung Mercator in Zusammenarbeit mit der Universitätsallianz Ruhr (UA Ruhr) und wird vom Mercator Research Center Ruhr (MERCUR) in Essen koordiniert.

Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT entwickelt, erprobt, begutachtet und optimiert verfahrenstechnische Umwelt- und Energietechnik und versteht sich so als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.